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Robert Elsie

Texte und Dokumente zur albanischen Geschichte

 
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1907
Franz Baron Nopcsa:
Der Baron in den Bergen von Dibra als Geisel gefangen

In seinen im Jahre 1991 erschienenen Lebenserinnerungen erzählt der k.u.k. Albanienforscher, Franz Baron Nopcsa (1877-1933) [siehe Dokument 1929 Nopcsa], wie er im Jahre 1907 in den abgelegenen Bergen von Dibra von dem berüchtigten Räuber Mustafa Lita als Geisel gefangen genommen wurde, und wie er ihm entkam.

Baron Nopcsa in Malessorentracht.



Baron Nopcsa in Malessorentracht.

Im November 1907 wollte ich von Shkodra über Kalis auf den Korab und von da nach Stirovica wandern, und so wandte ich mich um Rat an den Abt der Mirditen. Vom Abte wußte ich, daß er über Kalis und dessen Umgebung ganz gut informiert war. Der Abt empfahl mir, mich in Kalis an einen gewissen Mustafa Lita zu wenden, von dem er angab, daß er sein Freund sei. Mit dieser Angabe begann ich denn diese Reise. Zwischen Fan und Arrën habe ich mich als Mirdite verkleidet. Als wir auf der Zeba rasteten und dort zu Mittag aßen, sollte ich einen Einblick in das mirditische Räuberleben bekommen. Es kamen zwei Katholiken mit acht Schafen. Als der Vorausgehende uns sah, erschrak er heftig und nahm in unsere Nähe sein Gewehr auf uns in Anschlag. Die Schafe waren am Rücken im Rechtecke geschoren, und dies war ein Beweis, daß sie aus Reka gestohlen waren. Die Eigentumsmarke war ihnen eben aus der Wolle herausgeschnitten worden. Nach diesem Intermezzo gingen wir dann weiter.

Mark, einer meiner Begleiter, war seinerzeit Gefolgsmann Mustafa Litas gewesen. Er hatte wie alle oder viele Fanesen viel in Dukagjin und Reka geraubt und am Wege nach Kalis gab er mir über diese Gegend Aufschluß. Das Land zwischen Arrën-Reç und dem Korab heißt, so wie das Gebiet von Puka, Dukagjin, und auch die Leute nennen sich Dukagjinen und werden auch so von ihren Nachbaren genannt. Auf der Zeba gab es zwischen Arrën und Guri i Nusjes große Buchenwaldungen. Aussicht gab es auf der Zeba keine, dafür gelangte ich mit meinen Begleitern bei Regen ziemlich unbemerkt nach Ujmisht. Beim Abstiege gegen den Drin gingen wir an der Sennhütte eines Menschen vorbei, der Fanesen ohne Arrënioten sehend fragte, ob wir Freunde hätten. Bajazid bejahte es. Später aber sah unser Mann, daß wir gegen seine leer stehende Kula [Wehrturm] gingen, und sofort stürzte er uns nach, denn er fürchtete, wir seien Räuber. Ohne von dieser Verfolgung auch etwas zu ahnen, bogen wir inzwischen von dem Wege ab und kürzten ihn über einige Felder ab. So gingen wir, als unser Verfolger uns erreichte, nicht mehr gegen seine Kula. Zuerst gab es eine erregte Konversation, endlich erkannte aber unser Gegner in einem meiner Begleiter, Nikoll Xhuxhaj, seinem kumbara [Pate]. Er begleitete uns daher nach Ujmisht zu Mahmud, einem anderen kumbara von Nikoll Xhuxhaj. Dort beschlossen wir zu übernachten. Der Hausherr war nicht zuhause, wurde aber gerufen. Das Gespräch drehte sich am Abend nur um Raubzüge der Fanesen und Dukagjinen ins Rekagebiet und um Kämpfe mit dortigen Nisam-Posten. Ich entnahm dieser Konversation, daß die nach Reka dringenden Banden oft 200 Mann stark sind, daß es meistens Tote und Verwundete gibt und, daß die Beute häufig auf Schleichwegen nach Gjakova gebracht und dort verkauft wird. Die Raubbeute sind oft Hunderte von Schafen und fünfzig bis sechzig Pferde. Der Anführer so einer Bande heißt kallauz. Außer Räuber sind die Ujmisht Leute meist Kurbetgänger [Wanderarbeiter], d.h. (Bozadschi [Bosa-Verkäufer] und Halvadschi [Halwa-Verkäufer] etc.).

Sharr-Gebirge südlich von Prizren (Foto: Robert Elsie, Oktober 2006)



Sharr-Gebirge südlich von Prizren
(Foto: Robert Elsie, Oktober 2006)

Sharr-Gebirge südlich von Prizren (Foto: Robert Elsie, Oktober 2006)

Die Männertracht der Ujmishti besteht aus weißen, halbweiten unter engen Tschakschir [Hosenart] und darüber gezogenen Strümpfen, die bis an die halben Waden reichen, oft rot gemustert sind und durch die Opankenschnüre zusammengehalten werden. Am Körper wird eine anteri [langärmlige Jacke] und ein dünner rückwärts nicht befranster xhurdi [schwarze, wollene Männerjacke] getragen, der bis an die Hüften reicht. Alle tragen den perçe [Haarschopf].

Wir schliefen in Ujmisht recht gut. Die Häuser dort sind fern stehende, getrennte Kulen. In Vila gibt es dichter gebaute Kulen und aus Bruchstein jedoch ohne Kalkwurf aufgeführte Häuser. In Ujmisht konnte ich Einblick in das Kurbetwesen erlangen, denn gerade am Weg gegen Vila begegneten wir Leute, die eine Braut abholen gingen. Ich wurde von einigen als Fremder erkannt, aber die Erklärung Mahmuds, ich sei ein mik [Gast], beglich alles. Später trennte sich der Hochzeitszug von uns, und wir beobachteten aus der Ferne, wie derselbe vor dem Brauthaus stehen blieb. Es begann eine Schießerei, dann gingen die Brautleute ins Brauthaus, aßen und nahmen anschließend die Braut mit. Im Gegensatz zu diesem Zeremoniell wird in Reç das Brauthaus nicht betreten. Mahmud begleitete uns bis Vila. Als Albanese reisen ist viel angenehmer als in europäischer Kleidung, denn erstens gaffen einen die Leute nicht so an und außerdem ist man mit den Leuten mehr in Kontakt. Vor Vila ist Mahmud, da er dort in Blut war, nach Hause gekehrt. In Vila gab es eine schöne xhamija [Moschee], aber jeder Einwohner war ein Räuber, der jedoch im Dorfe selbst nicht rauben durfte. Im Dorfe, das heißt im Inlande, mußte Ordnung herrschen. Von Vila wurde Mark nach Kalis vorausgeschickt, um Mustafa Lita von unserer Ankunft zu verständigen. Mustafa Lita hat in Vila und Kalis mehrere Kulen, die aus dem Zusammenbau von verschiedenen großen Häusern und Kulen resultieren und umfriedet sind. Mustafa Lita war nicht zuhause, kam jedoch Abends nach Kalis zurück. Bis zu seinem Eintreffen galt ich als Skutariner, saß jedoch am Ehrenplatz beim Feuer. Infolge des Regens war ich bei der Ankunft in Kalis so wie am vorigen Tag gründlich naß, doch beim offenen Feuer bald getrocknet.

Der gemeinsame Aufenthaltsraum in Mustafa Litas Haus war ein großes Zimmer im Erdgeschoß, in das man durch einen Vorraum eintrat. Dieses Zimmer war ganz leer und hatte der Türe gegenüber einen Kamin. An beiden Längseiten war der Boden mit Teppichen belegt. Links vom Kamin war der Platz des Hausherren, rechts der Ehrenplatz des Gastes. Dem Feuer gegenüber und nahe bei diesem war ein Lammsfell ausgebreitet, auf dem der mit der Kaffeebereitung betraute Gefolgesmann Mustafa Litas Platz nahm. An den Wänden gab es Hacken für die Gewehre. Außer Mustafa Lita seinem bulgarischen Infanteriegewehr blieben aber alle anderen Gewehre im Vorraum.

Das Dorf Restelica im Sharr-Gebirge (Foto: Robert Elsie, Oktober 2006)



Das Dorf Restelica im Sharr-Gebirge
(Foto: Robert Elsie, Oktober 2006)

Das Dorf Restelica im Sharr-Gebirge (Foto: Robert Elsie, Oktober 2006)

Mustafa Lita selbst war dick aber sehr agil und schnell in seinen Bewegungen, dabei offenbar muskelstark. Er hatte einen grauen, starken Schnurbart, kam immer mit einigen schnellen übergroßen Schritten ins Zimmer und eilte stets hastig an seinen Platz, wobei sich alle erhoben. An seinem Platze wurde er von seinem Gefolge prompt bedient. Einer zog ihm die Strümpfe aus, ein anderer brachte ihm Wasser zum Füßewaschen, ein anderer reichte ihm die meterlange Pfeife mit Zigaretten und ein anderer gab ihm Feuer. Mustafa Lita redete relativ wenig und war selbstbewußt, jedoch ohne es zu sagen. Er hatte ziemlich große stahlfarbene Augen, die wenig Gedanken lesen ließen. Ein Erkennen seiner Gedanken war bei ihm am Tonfalle seiner Stimme und an seinen Gesten möglich. Er war nicht ruhig aber doch nicht sehr lebhaft, seine Manieren dezidiert. Seine Konversation hatte meist einen etwas befehlenden Ton. Daß ich Mustafa Lita so genau zu schildern bestrebt bin, ist, weil er einer der verwegensten dibranischen Räuber war, die die Türkei damals aufzuweisen hatte, und weil er mich nicht unbeträchtlich an die Schilderungen gemahnte, die wir von Ali Pasha Tepelena, dem Herrscher Janinas, besitzen. Ich sagte zu Mustafa Lita, ich sei gekommen, um ihm zu helfen, einen Wunsch zu erfüllen, den ich freilich nicht genauer angab. Nun gestand mir Mustafa Lita, daß er den Abt gebeten hatte, ihm ein Bimbaschlyk [Major] zu beschaffen, daß dies jedoch vom General-Inspektor vom Mazedonien, Hussein Hilmi Pascha, vereitelt worden wäre. Dann redeten wir über irrelevante Sachen. Bald wuschen wir uns die Hände zum Essen, und nachdem der Speisetisch hereingebracht worden war, setzte sich Mustafa Lita allein hin, brach das Brot und legte es jedem auf seinen Platz. Alle anderen im Zimmer Anwesenden warteten auf ihren Plätzen, bis sie Mustafa Lita zu sich rief, um mit ihm zu essen. Auch beim Essen schien Mustafa Lita sich zu beeilen. Der Abend verging recht gut.

Am nächsten Tag war aber das Wetter nicht besonderes, und Osman, Mustafa Litas Sohn, sagte uns, der Weg nach Stirovica sei verschneit. Er meinte, wir sollten in einem mit Teppichen belegten oberen Kulazimmer bleiben, in dem seiner Zeit auch Schemschi Pascha übernachtet hätte, damit die zahlreichen Leute, die unten waren, uns nicht sähen. Osman erzählte ferner, daß hier einst auch drei Männer aus Topojan gefangen gehalten wurden, die über Nacht in dem Dachboden gesperrt worden waren. Er bewunderte meinen Mannlicher Karabiner, noch mehr aber mein Scheckbuch und mein Fernrohr. Dann zog er sich zurück. Während wir in Schemschis Zimmer waren, flogen zwei Spatzen in das Zimmer. Wir fingen dieselben und gaben sie dem kleinen Sohn Mustafa Litas, und sagten uns dabei scherzend, daß wir selbst in Mustafa Litas Kula geflogen und nun auch gefangen seien. Abends kam Mustafa Lita zum Essen in unser Zimmer. Auch der folgende Tag verging mit Besuchen von Osman und Dalip, aber auch das schlechte Wetter hielt an. Am dritten Tag war es in der Frühe schön, und so sagten wir Osman, wir wollten an dem Tag unbedingt nach Stirovica gehen. Man möge uns Begleiter beschaffen. Osman verschwand und erschien erst Mittags wieder. Jetzt war es, meinte er dann, zu spät. Doch wir meinten, daß auch das nichts mache, wenn wir in Stirovica nachts ankommen. Osman meinte nun, er würde mit Mustafa Lita darüber reden, aber bald kam er wieder mit der Antwort, Mustafa Lita finde heute gar keinen Begleiter. Morgen würde aber er, Osman, selbst uns mit vielen Leuten nach Stirovica führen.

Die vielen Ausreden wollten weder Bajazid noch mir gefallen und beide begannen wir böses zu ahnen. Nachmittags läßt Mustafa Lita Bajazid rufen, sagt ihm, wir beide seien seine Gefangenen, und verlangt von uns 10.000 türkische Pfund Lösegeld. Im Falle, daß seine Kula irgendwie infolge unserer Gefangennahme Schaden leiden sollte, setzt er eine weitere Forderung von 10.000 Pfund in Aussicht. Gleichzeitig versucht er aber durch Versprechen von 2000 Pfund, Bajazid auf seine Seite zu ziehen. Bajazid widersteht und erschrickt, proponiert aber dennoch geschickt, Mustafa Lita sollte kein Lösegeld verlangen, sondern mich, da ich verkleidet bin, als Spion nach Prizren führen. Mustafa Lita wittert darin böses und lehnt es ab. Bajazid kommt herauf zu mir ins Zimmer und teilt mir die Sache mit. Mein erster Impuls ist, Mustafa Lita zu erschießen und so der ganzen Sache ein Ende zu bereiten, dann besinne ich mich eines besseren. Mustafa Lita kommt in unser Zimmer, ich benehme mich recht unbefangen. Er wiederholt mir das, was er Bajazid gesagt hat und fügt hinzu, er tue dies nicht, um mir zu schaden, sondern um den Sultan deswegen, weil er ihn nicht zum Bimbasch ernannt habe, zu ärgern. Falls seine Kula infolge dieses seines Vorgehens vom türkischen Militär verbrannt würde, sagt mir Mustafa Lita, würde er in konsequenter Weise genötigt sein, 20.000 Pfund zu verlangen. Ich erkläre, ob zehn oder zwanzigtausend Pfund, sei mir irrelevant, da ohnehin nicht ich sondern der Sultan zahlen werde, füge aber wohl hinzu, daß das Verbrennen seiner Kula auch mir unangenehm sei, da im Winter das Flüchten vor Soldaten und das Überwintern in irgendeiner elenden Hütte mit Unannehmlichkeiten verbunden sein würde. Ich verspreche, daß ich also trachten würde, eine Verfolgung zu hintertreiben. Mustafa Lita gibt mir recht. Ich sage Mustafa Lita, er habe einen so großen Fisch gefangen, daß er ihm nicht aus dem Wasser werde ziehen können. Nachdem wir das Thema gründlich durchgekaut haben, proponiere ich ihm über etwas Anderes zu reden. Mustafa Lita kann nur schwer von dem Thema ablassen. Endlich verlange ich fünf Tage Bedenkzeit, um zu entscheiden, wen ich von meiner Gefangennahme zu verständigen habe, wobei ich den Abt Doçi, das Skutariner Konsulat, das Prizrener Konsulat, Hussein Hilmi Pascha, meinen Vater und die k.u.k. Botschaft in Konstantinopel erwähne. Zufällig sage ich, ich glaube, ich werde Hilmi schreiben. Darauf meint nun aber Mustafa Lita, daß man in diesem Falle gewiß Soldaten schicken werde. Ich sehe an seiner Miene, daß ihm dieser Gedanke unangenehm sei. Ich bleibe daher dabei, und so gibt er mir die erwünschte Bedenkzeit. Er sagt mir, “sa duket,” und verschwindet.

Bald nach Mustafa Litas Abgang kommt ein gewisser Doda, dessen Bruder in Rom zu Priester ausgebildet wird. Ich lasse ihn schnell ein Kreuz machen. Er läßt mich ein Pater noster beten, dann fragt er Teile der Messe, um zu sehen, ob ich tatsächlich Katholik sei. Ich entspreche seinem Verlangen, dann erzähle ich ihm von Mustafa Litas Verrat und gebe ihm einen Brief an den Abt der Mirditen, den er sofort absenden solle. In diesem Brief bitte ich den Abt um 500 bewaffnete Mirditen oder Opium und zwanzig Leute. Doda geht ab und Osman kommt ins Zimmer. Ich begrüße Osman, rede mit ihm aber kein ernstes Wort und frage nur im Scherz, wer denn eigentlich unsere ganze Verhaftung geplant habe. Er sagte, er selbst. Darauf meine ich, daß er von seinem Vater gut gelernt habe, werfe ihm aber lachend “pa besë” [Treulosigkeit] vor. Er errötet bis an die Haarwurzel. Dann veranstalten wir auf Osmans Aufforderung ein Scheibenschießen. Ich schieße besser als Osman, der bald weggeht. Nun kommt Dalip zu uns. Dalip ist über Mustafa Litas Benehmen empört und sagt, daß so eine Schweinerei in Kalis noch nie geschah, und angibt, daß er uns helfen wolle. Ich sehe, Dalip geht auf Eigengewinn los, und rede mit ihm daher recht ernst. Er fragt mich, wie diese ganze Sache enden werde. Ich sage so, daß Mustafa Lita kein Geld bekommt, seine Kula zerstört werden wird und im Endkampfe er, nämlich Mustafa Lita, dann Osman, Mustafa Litas zweiter Sohn Ali, aber auch Bajazid und ich sterben würden. Es wird, sage ich, die ganze Malësia von Shkodra, ganz Mirdita, Mat und Lura von Westen herkommen. Aus Dibra, Gostivar und Prizren werden Truppen geschickt werden, und Mustafa Lita wird dermaßen zermalmt werden. Dalip meint, daß nicht einmal ganz Kalis Mustafa Lita seine Partei ergreife, denn Mustafa Litas Benehmen werde allgemein verurteilt. Es ergab sich also die Frage, was zu tun sei. Nach mannigfachem Beraten formuliere ich mit Dalip drei Propositionen. Erstens, Mustafa Lita verlangt 10.000 Pfund, dann kommen meine albanischen Freunde und türkische Truppen; sein Haus ist entehrt, und es gibt ein großes Morden. Zweitens, Mustafa Lita verlangt für meine Loslassung ein Bimbaschlyk. Ich werde in diesem Falle meine Freunde beruhigen und auch trachten, alle Truppen von Kalis ferne zu halten und mit den Behörden zu verhandeln. Das Resultat ist aber in diesem Falle nicht gewiß. Drittens, Mustafa Lita führt mich als Spion nach Prizren. Hiedurch kommt er bei der Regierung in Gnaden, und ich werde mich nach wie vor für sein Bimbaschlyk verwenden. Dalip verspricht, diesen Vorschlag Mustafa Lita zu unterbreiten. Um für den Fall, daß Dalip sein Plan mißlingt, daß Mustafa Lita uns gefangen hält, daß ein Wächter mit uns schlafen soll, und daß uns Waffen und Messer abgenommen werden, haben Bajazid und ich, um am Tage der Flucht etwas unserem Wächter gegenüber in der Hand zu haben und um uns dann nach Tötung des Wächters an zusammengebundenen Leintüchern und Teppichen aus Mustafa Litas Turm hinab lassen zu können, ein Rasiermesser unter dem Teppiche versteckt.

Dalip schläft bei uns und redet in der Frühe mit Mustafa Lita. Er läßt uns aber zuvor merken, daß er für seine Intervention ein Bakschisch zu erhalten hoffe. Während der ganzen Zeit ist Bajazid recht niedergeschlagen. Ich trachte ihm, Mut einzuflößen. Nach Dalip seinem Gespräch mit Mustafa Lita kommen außer Mustafa Lita auch Ali und Osman in unser Zimmer, ebenso Dalip. Mustafa Lita sagt uns, unsere ganze Verhaftung sei bloß ein Schein gewesen, um uns zu prüfen, und erklärt, wir können nach Stirovica gehen. Ich wittere aber eine Falle und erkläre, ich bleibe bei der Proposition, die ich freiwillig am ersten Tage machte und die darin bestand, Mustafa Lita zu seinem Bimbaschlyk zu helfen. Jetzt, da alle von unserer Gefangennahme wissen, sage ich, sei dies mehr dann möglich, wenn er mich als österreichisch-ungarischen Spion den türkischen Behörden in Prizren übergibt. Die Proposition wird angenommen und zwar soll Bajazid als Gefolgsmann Mustafa Litas nach Prizren kommen. Ich soll mit meinem Mannlicher Karabiner den türkischen Behörden in Prizren übergeben werden.

Die Übergabe meines Mannlicher Karabiners hielt ich angeblich deshalb für wichtig, weil Mustafa Lita mich verabredetermaßen an der Güte meines Gewehres als angesehene Persönlichkeit erkannt hätte. In Wirklichkeit wollte ich es Osman unmöglich machen, mein Gewehr als ‘Andenken’ zu behalten. Osman war unvorsichtig genug gewesen, mir seinen diesbezüglichen ‘Wunsch’ zu äußern.

Dafür verspreche ich Mustafa Lita zu seinem Bimbaschlyk zu helfen. Osman sagt uns nach dem Abgang Mustafa Litas, Dalip habe uns geholfen. Ich sage Osman, er sei dumm gewesen, weil er jetzt auch den Mannlicher Karabiner nicht bekomme, denn der Mannlicher würde vom Hükümet [die türkische Regierung] konfisziert werden. Knapp vor unserem Abgange aus Kalis bittet mich Mustafa Lita, den Abt zu informieren, daß in Kalis nichts vorfiel. Doda bekommt daher zum geheimen ersten noch öffentlich einen zweiten Brief an den Abt, und dann werden wir beide von Mustafa Lita aufgefordert unten zu speisen und uns aufzuhalten. Während unseres ganzen Aufenthaltes in Kalis waren Mustafa Litas Sohn Ali und ein gewisser Rrahman überhaupt nicht zu uns gekommen, da sie sich ob Mustafa Litas Verrat allzu schämten.

In Kalis existieren isolierte Häuser von mittelalbanischer Bauart und kleine Dörfer rp. zusammengebaute Hausgruppen. Blutracheangelegenheiten zwischen den einzelnen Familien werden bald beglichen. Das langjährige Einsperren wie in Lura kommt nicht vor. Die Dukagjinen stehlen in Reka. Die Leute aus Reka rauben von Skopje und Mazedonien, aber auch aus der Gegend von Adrianopel, ja sogar aus Anatolien.

Am fünften Tag nach meiner Ankunft in Kalis erfolgte mein, Bajazids und Mustafa Litas Aufbruch von Kalis mit zwei Pferden nach Prizren. Auf einem Pferde ritt Mustafa Lita, das andere war für Bajazid und mich bestimmt. Die Pferde begleiteten uns bis auf ein Hochplateau bei der Qafa e Restelicës, wo tiefer Schnee deren weiterkommen hinderte. Hier aßen wir ein frugales Mahl aus Käse und aus Maismehl, Kornmehl und Gerbe hergestelltem Brot.

Dann ging es am Nachmittag weiter gegen Restelica. Es gab am Wege gegen Restelica Nebel und Schnee, und deshalb haben wir den Weg fast verloren, aber endlich gelangten wir doch glücklich nach Kepi, und dann nach Restelica. Mustafa Lita, Abdul Rrahmani, Dalip, Bajazid und ich schliefen im Hause von Molla Sadiku, die übrigen in einem anderen Haus. Das Zimmer war gut und mit Teppichen belegt. Es gab sogar einen eisernen Ofen, aber die Fenster waren klein und die Glasscheiben eingemauert. Bevor wir zum Hause Molla Sadikus gegangen waren, hatten wir im Kaffeehaus Kaffee getrunken, bis uns Molla Sadiku einlud. Zu unserem Hausherrn kamen naturgemäß gleich viele Besucher, darunter ein rumänisch redender Hadschi und andere Geistlichen. Mit dem Hadschi habe ich etwas geredet, sonst blieb ich aber zurückgezogen in einer Ecke und habe mit Dalip weiteres geplant. Die Leute sind recht gebildet und können meist Lesen und Schreiben.

Restelica ist auf einem Plateaurand oberhalb eines steil eingeschnittenen Tales gelegen und ist ein Massendorf mit vielen Krämerläden und Kaffeehäusern. Die Dorfstraßen sind zivilisiert. Die Steinhäuser, denen allerdings der Kalkbewurf fehlt, sind gut gebaut. Restelica hat über 300-400 Häuser und mehr als 100 Pferde, und die Bewohner sind keineswegs arm. Hier wird auch ziemlich viel slawisch gesprochen. Die Leute fragten relativ wenig, wer ich sei, nur der Hadschi war neugierig. Bajazid sagte mir aber auf ungarisch “ne mondjon semmit” [sag nights]. Später habe ich mit Mustafa Lita das Weitere für den morgigen Tag besprochen. Ich proponierte, damit meine Einlieferung nicht zu viel Aufsehen errege, am aksham [Abend] nach Prizren gebracht zu werden, und dort in einer Einzelzelle des Gefängnisses zu übernachten.

Im übrigen war der folgende Tag gerade ein Bazartag. Wir vermuteten daher, daß das Hükümet wahrscheinlich geschlossen sein würde. Außer diesem Hauptpunkte wurde aber auch festgesetzt, daß ich nicht mit meinem Mannlicher Karabiner sondern mit Bajazids Martini abgeliefert werden sollte. Auf diese Weise wurde auch mein getreuer Mannlicher Karabiner der etwaigen Konfiskation entzogen.

Programmgemäß wurde am nächsten Tag Restelica in der Frühe verlassen, und dann sind wir in einem Dauermarsch nach Prizren gegangen. Ich war in diesen Tagen fast fortwährend zu Fuß, und Bajazid war trotz des Reitens kaputt. Das Mittagsmahl bestand aus Käse und Brot. Am vorigen Tag hatte es abends in Restelica Bohnen mit Fleisch und türkischen Speisen gegeben, die alle recht gut waren, doch hatte ich schrecklich Sodbrennen. Als ich beim Passieren des Ortes Zli Potok einen Apfel auf offener Straße essen wollte, war Bajazid hierüber sehr aufgebracht und sagte mir, etwas auf offener Straße zu essen, gelte in Ostalbanien als Manierlosigkeit und Schande.

Von Karaula Guri Dervent war mir der Weg von früher her bekannt. Anderthalb Stunden vor aksham gelangten wir nach Prizren. Knapp vor der Stadt wurden mir aber Gewehr und Patronengürtel abgenommen und ein Strick um die Leibbinde gebunden. Das andere Ende des Strickes erfaßte ein Kalis, wodurch meine Gefangenschaft markiert war. Mustafa Lita hatte große Angst, ich könnte ihm in Prizren irgendwie verraten. Bajazid bekam von mir in einem unbewachten Augenblick eine Karte an das Konsulat. Mein Gepäck nahm Mustafa Lita zu sich und sollte es erst am folgenden Tag in der Frühe persönlich auf das Hükümet bringen. Bajazid durfte gar nicht auf das Hükümet kommen, so sehr fürchtete sich Mustafa Lita vor einem etwaigen Verrat. Mein Einmarsch in Mirditatracht erregte schon in den Straßen von Prizren etwas Aufsehen. Im Hükümet ebenso, aber nirgends übermäßig. Mustafa Lita erzählte dem Bimbasch der Polizei, er habe mich am Wege Vila-Kalis getroffen, mich als verkleideten Fremden erkannt, dann in sein Haus gelockt. Ich hätte Fluchtversuch unternommen, er habe mich dann wiedereingefangen und deshalb liefere er mich hier ab. Ich wurde dem Bimbasch vorgeführt, den ich von früher kannte, der mich aber nicht wieder erkannte. Darauf wurde ich zum Mutasarrif [Gouverneur] geschickt. Dort setzte ich mich, um Mustafa Lita zu imponieren, mit gekreuzten Beinen aber à la franca und sprach mit dem Mutasarrif französisch. Ich bestätigte Mustafa Litas Aussagen und bat den Mutasarrif, das Konsulat zu avisieren. Der Mutasarrif kam in Verlegenheit und beglotzte meinen Paß, bis ich ihm sagte, “Ne regardez pas toujours ce passeport, les lettres restent toujours les mêmes.” Dann wiederholte ich meine Bitte aber in einer schärferen Tonart. Ich wurde wieder zum Bimbasch, dann zum Gefängniskommandanten, einem Mylazim, geführt und sollte dort übernachten. Bajazid hatte inzwischen das Konsulat avisiert, und dieses intervenierte nun. Der Mutasarrif und das Konsulat telegrafierten nach Saloniki. Vizekonsul Prochaska schickte mir außerdem Essen und Decken ins Gefängnis. Nach dem Essen kam ein Telegramm von Hilmi Pascha, später eins vom Vali von Skopje, und ich wurde mit gebührenden Ehren dem Konsulat überwiesen. Den Abend verbrachte ich am Konsulat. Prochaska war über die Sache sehr erheitert. Er ist ein guter Mensch, aber kein Genie. Ich blieb mehrere Tage in Prizren. Hilmi Pascha hatte mir ein weiteres Reisen in der Türkei telegrafisch verboten. Als Mustafa Lita mein Gepäck in das Hükümet brachte, und man es gar nicht anschaute, da war er recht enttäuscht, denn er hatte sich vom Aneroid etc. goldene Berge versprochen. Der Polizeikommissär brachte alles andere, ja sogar den abgelieferten Martini, aufs Konsulat. Soweit war in Prizren alles gut gegangen. Von der ganzen Affäre mit Mustafa Lita hatte aber auch Bajazids Vater in Stirovica gehört und plötzlich erschien er nun mit zehn bewaffneten Männern in Prizren. Weitere vierzig Männer hatte er in Restelica gelassen. Er wollte Mustafa Lita ursprünglich bei Kepi überfallen, hatte sich jedoch verspätet, und nun wollte er Mustafa Lita in Prizren erschießen. Dies haben Bajazid und ich verhindert. Wir erzählten aber Doda und Bajazids Vater in Prizren alles, was in Kalis vorgefallen war. Die Wahrheit wurde in Prizren und Mitrovica bekannt, und so mußte Mustafa Lita nach einigen Tagen schleunig nach Kalis zurück. Natürlich konnte auch ich ihm nicht mehr helfen.

 

[Ausschnitt aus: Reisen in den Balkan. Die Lebenserinnerungen des Franz Baron Nopcsa. Eingeleitet, herausgegeben und mit Anhang versehen von Robert Elsie. Dukagjini Balkan Books. Peja: Dukagjini, 2001. S. 124-136.]

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